Halbzeit für die Kulturhauptstadt RUHR 2010!

Beatrix Wirbelauer

Beatrix Wirbelauer, die als Leiterin des Kulturbüros die Moerser Beteiligung am Kulturhauptstadtjahr koordiniert, zieht im Interview eine Zwischenbilanz.

RUHR.2010 läuft inzwischen auf Hochtouren. Was ist Ihr Eindruck: Welche Aktivitäten und Projekte des Kulturhauptstadtjahres in Moers bewegen die Menschen besonders?

Besonders während der Local Heroes-Woche im Mai konnten alle Generationen - vom Vorschulkind bis zum Senior - angesprochen und aktiv eingebunden werden. Neben den Kultureinrichtungen haben sich weite Teile der freien Kulturszene sowie zahlreiche Schulen und Vereine eingebracht. Auch Einzelhandel und Gastronomie der Altstadt beteiligten sich am Programm. Jeden Tag haben wir unsere Besucher auf außergewöhnliche Entdeckungsreisen eingeladen und damit viele zum Staunen gebracht.

Welche besonderen kommunikativen Herausforderungen stellen sich durch die RUHR.2010-Aktivitäten in Moers?

Uns war wichtig, sowohl unsere profilierten Kultureinrichtungen als auch möglichst viele interessierte Bürgerinnen und Bürger, Kunst- und Kulturschaffende sowie freie Initiativen einzubinden. Wir wollten eine neue Kultur der Zusammenarbeit erproben. Unsere Hoffnung war, dass sich daraus langfristige Partnerschaften für den Kultur- und Kreativstandort Moers ergeben. Dieses Konzept ist voll und ganz aufgegangen. Alle Programmlinien innerhalb der Local Heroes-Woche stießen auf breites Publikumsinteresse und wurden von vielen Moerserinnen und Moersern mitgestaltet. Das Motto „HERZ|RASEN“ ermöglichte zahlreichen Mitwirkenden aus dem öffentlichen und privaten Bereich, ihre individuellen Interessen, Hobbies und Talente in allen künstlerischen Ausdrucksformen unter dem gemeinsamen Leitmotiv in das Kulturhaupstadtprogramm für Moers einzubringen. So konnte das breit gefächerte Programm weitgehend auf der Basis lokaler Ressourcen und Potenziale realisiert werden, handgemacht in und für Moers, voller "Herzensangelegenheiten", überraschender Begegnungen und Poesie.

Was sind die Binneneffekte von RUHR.2010 in Moers? Welche Außenwirkung erhoffen Sie sich?

Das Kulturbüro der Stadt Moers hat die Aufgabe, die Moerser Kulturszene zu unterstützen und zu fördern. Wir bündeln Aktivitäten, stellen Informationen zur Verfügung, fördern Fachaustausch und Vernetzung zwischen den Akteuren und Initiativen. RUHR.2010 gibt uns dazu die Gelegenheit in einem großen Maßstab. Uns ist es wichtig, dass Kulturförderung nicht nur mit Kulturfinanzierung gleich gesetzt wird. Um an ein Ziel zu gelangen, bedarf es oft eingehender Information, Beratung und Unterstützung. Wir verstehen uns daher als begleitender Ansprechpartner für die freie Kulturarbeit in Moers.

Was die Außenwirkung angeht: Moers wirkt im Kulturhauptstadtjahr als Partner bei vielen ruhrgebietsweiten Netzwerkprojekten mit. Beispielhaft sind die Projekte "Odyssee Europa“, „Twins2010“ oder „SchachtZeichen“. Ein schöner Erfolg ist es, dass das Schlosstheater Moers als einziges der sechs am Odyssee-Projekt beteiligten Theater mit seiner Inszenierung zum Theatertreffen NRW im Juni eingeladen war. Dabei wurde die junge Schauspielerin Katja Stockhausen zur besten Nachwuchsschauspielerin der Saison in NRW gekürt.

„Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel“: Hilft RUHR.2010, Moers neu zu entdecken?

Da lieferte die Local Heroes-Woche gute Beispiele. Alltagsorte der Innenstadt, aber auch Kulturorte wie die Galerie Peschkenhaus und die Kulturinsel Nepix Kull wurden durch ungewohnte künstlerische Gestaltung neu erlebbar. Die skurrilen Stadtführungen des Schlosstheaters per MP3-Player sowie die geführten KulTouren per Fahrrad brachten neue Blickwinkel auf und in die Stadt. Auch das Experiment neuer Veranstaltungsformate open air in der Innenstadt wurden vom Publikum gut angenommen. Nicht zuletzt entwickelten zwölf Moerser Stadtteile je eine ortsteiltypische Raseninstallation als Beitrag für den Stadtraum. Ob Theaterreisen mit privaten Gastgebern wie bei der Odyssee Europa oder lokal gestaltete, zukunftsweisende Projekte wie SchachtZeichen oder !SING - Day of Song - Moers wird als einzigartiger Kulturraum neu wahrgenommen.

Wie wichtig sind Kinder und Jugendliche für die Kulturhauptstadt?

Beispielsweise die Local Heroes-Programmlinie „HERZENS|BRECHER“ setzte ganz auf Kreativität Moerser Kinder und Jugendlicher. Sie können über Kultur ihre Begabungen entdecken und ihre Persönlichkeit stärken. Die Auseinandersetzung mit Kunst und Kultur fördert Phantasie, Selbstausdruck und Mitgestaltungswillen. Sie leistet so einen Beitrag zur Chancengleichheit und zur individuellen Förderung. Auch im Rahmen der ruhrgebietsweiten „Nacht der Jugendkultur“ konnten und wollten junge Menschen ihre Talente ausleben. So gab es Anfang Juli im Moerser Kulturzentrum Bollwerk 107 nicht nur Kultur für Jugendliche, sondern vor allem auch Kultur von Jugendlichen. Und bei „TWINS2010“ kommen Jugendliche unserer Partnerstädte in Moers zusammen, um Projekte aus verschiedensten Kunstsparten gemeinsam zu entwickeln. U.a. lädt die Stadt Moers im Rahmen von TWINS vom 5. bis 7. November Kinder und Jugendliche des Conservatoire in Maisons-Alfort, die Jugendtheatergruppe KABOUM aus Knowsley und weitere junge Akteure gemeinsam mit den Bürgermeistern der Städte zu einem Kulturwochenende ein.

Eine zentrale Aufgabe des Kulturbüros Moers ist die „Kulturelle Bildung“. Was heißt das genau, und warum ist die Vermittlung kultureller Werte in Ihren Augen wichtig?

Bildung und Kultur sind zwei Seiten einer Medaille. Kulturelle Bildung befähigt, sich mit Kunst, Kultur und Alltag phantasievoll auseinanderzusetzen. Sie entwickelt ein Gefühl für soziale Zusammenhänge, stärkt das Urteilsvermögen und ermutigt zur Mitgestaltung der Gesellschaft. Die Bedeutung der Förderung Kultureller Bildung vom frühkindlichen Bereich an ist mittlerweile kulturpolitisch unumstritten. Bezogen auf die Kulturhauptstadt boten bisher alle Projekte in Moers einen hohen Anteil Kultureller Bildung für alle Zielgruppen.

Was erhoffen Sie sich für Moers und die Region von der Kulturhauptstadt über das Jahr 2010 hinaus? Was bleibt, wenn alles vorbei ist?

Wichtig ist, dass der Schwung, den die Kulturhauptstadt erzeugt hat, weiter für Moers genutzt wird. Das ist ja auch die Vision der gesamten Metropole Ruhr. Viele Projekte können eine dauerhafte Wirkung entfalten. Besonders wertvoll ist die Entwicklung eines Geistes der Zusammenarbeit. Die langfristige und intensive Zusammenarbeit über mehrere Monate im Vorlauf der Local Heroes - Woche hat viele neue und nachhaltige Kontakte, Begegnungen und Kooperationen unter den zahlreichen Mitwirkenden geschaffen. Und im Kulturausschuß gab es den Wunsch verschiedene Veranstaltungen des Kulturhauptstadtprogramms mit neuen Themensetzungen auszubauen. Ganz nach dem Motto: Wo das geht, geht’s weiter.

Das Interview führte Martin Kreymann

Moers war vom 16. bis zum 22. Mai 2010 der „lokale Held" im Kulturhauptstadtprogramm RUHR 2010. Verschiedene Trailer sind auf dem YouTube-Kanal der Stadt Moers zu sehen.

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